Once upon a dream
Der Übergang der weißen Magie von ihrem nun wieder vollständigen Bein hinauf in den Rest ihres Körpers war nahezu fließend. Lilith blieb keine Zeit, kurz innezuhalten, durchzuatmen oder zu reflektieren, was als nächstes kommen würde – wobei ihr Atem noch immer nicht unter ihrer eigenen Kontrolle stand, was das ‚Durchatmen‘ wohl in seiner Sinnhaftigkeit untergraben hätte.
Doch inmitten all dieser Geschehnisse, des Lichtes, das in ihr hinauf kroch und der Runen, die sich weiter auf ihr ausbreiteten, spürte sie plötzlich Medeas Hand auf ihrer eigenen, die sich eben noch verkrampft in das Polster der Sitzgruppe gekrallt hatte. Sie wollte ihr helfen, schon wieder. Das wievielte Mal war das jetzt, in den letzten Tagen? Da, wo sie herkam, wo sie aufgewachsen war… Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit, Unterstützung – das waren keine Dinge, die Lilith kannte. Womöglich erhoffte die Dämonin sich auch irgendeinen Vorteil davon, ihr jetzt derartig zur Seite zu stehen, vielleicht dass sie in ihrer Schuld stünde und die entsprechend zurückzahlen würde, sobald der Tag käme und sie etwas einzufordern hatte. Aber auch wenn Lilith kaum Erfahrung hatte darin, wie sich emotionale Bindungen zu anderen Lebewesen aus der ersten Reihe so anfühlten, bemerkte sogar sie, dass eine Geste wie diese, das sanfte Halten einer Hand, das Zusprechen unterstützender Worte – deutlich hinausgingen über Gefälligkeiten, für die man einen Ausgleich fordern würde.
Sie bemerkte, wie sich ihre eigene Hand unter der Berührung entspannte. Einen Augenblick lang verschob sich tatsächlich ihr Fokus und die Magie, die durch ihren Körper gepresst wurde, verlor ein klein wenig ihrer allumfassenden Präsenz. Die Angst vor all dem Unbekannten, gepaart mit der Gewissheit, dass sie theoretisch ausgeliefert war und so einfach getötet werden konnte wie selten zuvor – auch sie war ein klein wenig gedimmter.
Ohne genau zu realisieren, was sie tat, drehte Lilith ihre eigene Hand um und ließ ihre Finger zwischen die von Medea gleiten, sodass sie deren Hand tatsächlich halten konnte. Sie suchte ihren Blick, ohne zu wissen warum. Unterstützung. Sie machte irgendwas mit ihr.
Zeit, genau einzuordnen, was das war blieb ihr allerdings nicht – weil nur Sekunden später die Magie durch ihr Abdomen schoss, die tiefen Wunden in ihrem Bauchraum, ihrer Seite, die schlimmsten Verletzungen die sie hatte. Die Heilung fühlte sich an, als wäre es gleißendes Feuer, das ihre Gefäße und Muskeln wieder miteinander verband. Lilith spürte, wie ihr Oberkörper sich aufbäumte und nach vorn krümmte, scheinbar trotz des fremden Einflusses des anderen Engels. Womöglich konnte auch er – sie – all die Energie nicht mehr unter Kontrolle halten.
Die Sitzgruppe unter ihrem Arm brach plötzlich weg. Offensichtlich war ihr die Kontrolle über das Bild der Traumebene entglitten, und die Illusion wich ihrem eigentlichen Bild: schwarze Leere. Sowohl Lilith als auch der heilende Engel waren wohl zu sehr eingebunden in den Prozess, als dass sie Kraft dafür erübrigen konnten, die Ausgestaltung weiterhin zu beeinflussen. Abgesehen von der kurzen Änderung im Gleichgewicht ihres Körpers bemerkte Lilith es nicht einmal.
Was sie aber deutlich bemerkte war das Zittern, das ihren Körper ergriff.
„Ich… ich brauche eine Pau-se“, presste sie unter dem Druck auf ihren Brustkorb hervor. Der Engel zögerte, und sie verstand auch warum – je länger das hier dauerte, desto höher war das Risiko, dass sie entdeckt wurden. Und die Qualen würden sicherlich auch nicht geringer werden, wenn sie den Prozess erneut starten müssten. Aber dieser neue, sterbliche Körper… sie kannte ihn einfach nicht gut genug und wusste nicht, was sie ihm alles zumuten konnte.
Und das letzte, was sie wollte, war ihn versehentlich mit einer Überdosis weißer Magie zu töten.


