12.02.2026, 22:25
Once upon a dream
Ihr Atem ging flach und unregelmäßig. Die Kontrolle, die der andere Engel über sie hatte, über ihren Körper, hatte nicht nachgelassen, aber der Druck der Magie war weniger geworden. Das war sie, ihre erbetene Pause. Weit entfernt von wirklicher Erholung, vielmehr ein angespanntes, kurzzeitiges Innehalten des Engels, der auch nonverbal sehr deutlich machte, dass das hier nicht von Dauer sein würde.
Lilith richtete sich wieder ein klein wenig auf, versuchte sich zu sammeln. Sie spürte ihr Herz pochen bis zum Hals, schluckte, aus dem irritierenden Gefühl heraus, dass es ihr sonst entgegen kommen würde. Medea drückte ihre Hand. Dass sie sie immer noch hielt… auch diese Tatsache war ihr kurz entglitten. Sie sah sie lächeln. Trotz allem, dieser abwegigen Situation, der bizarren Lage, dem Risiko, das sie alle trugen, sollten sie tatsächlich entdeckt werden.
Sie erwiderte kurz den Händedruck. Sehr viel sachter, als das normalerweise der Fall wäre, und ein Lächeln hatte sie einfach nicht in sich – dazu fehlte ihr die Energie. Besonders mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass das, was noch auf sie zukam, signifikant schlimmer werden würde als der Rest der Heilung bisher.
Der andere Engel machte einen halben Schritt auf sie zu. Lilith sah die Bewegung im Augenwinkel und nickte stumm. Ja, sie wusste, dass sie nicht länger warten konnten. Und ewig in dieser Situation ausharren war immerhin auch keine Lösung.
Kurz darauf spürte sie wieder die flammende Hitze der weißen Magie durch sie durchpeitschen. Ihre Beine, den Bauchraum – diesmal aber schnell, dort war nichts mehr, das es zu heilen galt. Bis hin in ihren Brustkorb. An den Ort, wo ihre tiefste Wunde saß… die, die nicht zu heilen war. Nicht so.
Die Magie umschloss es, das, was sie als Loch empfand, wo eigentlich ihre Essenz sein müsste. Und wenn Lilith zuvor der Meinung gewesen war, dass die gesamte Prozedur schmerzhaft gewesen war… dann definierte sie jetzt einen neuen Rahmen von Schmerz.
Es fühlte sich an, als würde sie von innen heraus verbrennen, während das Loch umschlossen, aber nicht geschlossen wurde. Die Heilung, die ein Engel an einem anderen Engel durchführte, strebte allein von Natur aus nach Vollkommenheit – das war ihr Sinn. Diese würde sie in ihrem Fall allerdings niemals erreichen können, weil Liliths körperlicher Zustand ohne ihre Gnade nicht in seinen Ursprung zurückversetzt werden konnte.
Die Engelsmagie tobte aufgrund dieser Unzulänglichkeit, und Lilith war die Leidtragende. Die Ecken… die klaffenden, rauen Fetzen der inneren Wunde, die ihre Gnade hinterlassen hatte; die Zielscheibe, die ein großes, offensichtliches Loch in ihrer Aura auf ihrem Rücken hinterließ; die Ränder. Das waren die Punkte, an denen die Magie ansetzte, die sie korrigierte. Sie flickte von außen etwas zusammen, das innerlich weiterhin leer sein würde, wenn auch nicht mehr so sichtbar. Aber reine, weiße Magie an der empfindlichsten, verwundetsten Stelle ihres Körpers zu spüren, durchzog Lilith mit Schmerzen, die sie in diesem Maß noch nie empfunden hatte.
Sie schrie. Sie konnte sich nicht einmal erinnern, wann sie das letzte Mal geschrien hatte – das war eines der ersten Dinge, die ihr in ihrer Ausbildung ausgetrieben wurden. Keine Tränen, keine Schreie, nicht für die Tochter des Teufels. Und doch konnte sie jetzt nicht anders.
Das übrige Bild der Traumebene zerriss vollständig, als sie sich nach vorn beugte und beide Hände in ihr Brustbein krallte, als könnte sie die Quelle des Schmerzes herausreißen. Jede Faser ihres Körpers stand in Flammen, von ihren Füßen bis hin zu ihren Fingerspitzen. Ihr gesamter Brustkorb bis in ihren Rücken. Die Ansätze, wo ihre Flügel gewesen waren, schienen sich tief in ihre Haut zu brennen.
Es waren vermutlich nur Minuten, aber sie fühlten sich endlos an.
Und dann endete es abrupt. Zumindest für Liliths Empfinden. Sie war einiges an Schmerz gewohnt, besonders in den vergangenen Tagen, aber dieser… er vereinnahmte sie so vollkommen, dass sie kurzzeitig das Gefühl hatte, ihre Existenz sei beendet. Sie bestand nur noch aus Schmerz… bis er auf einmal abriss.
Ein dumpfer Piepton blieb in ihren Ohren zurück. Ihr Atem ging schwer. Aber das Feuer war weg… und ihr Körper ungewöhnlich kalt in seiner Abwesenheit, geschüttelt von einem Zittern. Er fühlte sich seltsam an. So als hätte ihr Gleichgewichtssinn sich verändert, ihre Gliedmaßen plötzlich schwerer als zuvor. Alles an ihr, ihr Körper, ihr Wesen, schien mehr am Boden zu haften.
War das… Sterblichkeit?


