22.02.2026, 20:25
No Secrets Between Us
Nein, sie hatte in der Regel weder Interesse noch Anerkennung für ihn übrig gehabt, zumindest nicht in den letzten Jahrhunderten. Seit er nicht mehr der große Bruder für sie war, der sie etwas lehren konnte, weil er so viele Dinge über die Hölle wusste. Seit sie gelernt hatte, dass Mammons Blick in den allermeisten Fällen verengt war davon, wie sehr er von sich selbst überzeugt war, und dass er wichtige Dinge an den Rändern verpasste, überhörte, weil er sich so gerne selbst reden hörte. Seit sie über ihn hinausgewachsen war… zumindest zuhause.
Aber hier – sie bewegte sich länger auf der Erde als er, arbeitete unter den Menschen, arbeitete mit ihnen (oder gegen sie, je nachdem wie man es wohl auslegen wollte), und dennoch fühlte sie sich plötzlich wieder hineinversetzt in einen Zustand, von dem sie eigentlich geglaubt hatte, ihn Ewigkeiten hinter sich zu haben. Denn auch wenn sie hier arbeitete, sich auskannte, die Verbindungen hatte zu den guten Schneidern und Mâitre d’s – sie war im tiefsten Inneren ein Höllenwesen, die Unterwelt war ihr zuhause und ihre Aufenthalte hier immer besonders eines: begrenzt. Das ging mit einer gewissen Distanz einher, die Mammon nicht hatte, nicht mehr, seitdem er nun fast schon ein Jahr lang hier lebte. Sich etwas aufgebaut hatte, diesen Ort sein eigen gemacht hatte.
Und dafür hatte sie Interesse und Anerkennung. Es war wahrscheinlich das erste Mal in Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten, dass er etwas zustande gebracht hatte, das ihre Anerkennung tatsächlich verdiente. Er war gezwungen gewesen, endlich erwachsen zu werden, und es war ihm geglückt – nicht so wie Luzifer es wollte, sicherlich, nicht einmal im Entferntesten… aber er hatte sich verändert. Und mit ihm änderte sich nun wohl zwangsläufig auch ihr Bild von ihm. Wie auch immer das am Ende dann aussehen würde.
Lilith überließ ihn seiner Musik, ohne weitere Diskussionen und Einwände. Hauptsächlich deswegen, weil es ihr zunehmend schwerer fiel, die Fäden dieser Unterhaltung alle in den Händen zu halten und die Gedanken dazu irgendwie sinnig sortiert. Offensichtlich der Preis dessen, dass die Schärfe des Schmerzes, den sie fühlte, abgenommen hatte – die Wirkung der Pillen, die er ihr gegeben hatte.
Es waren nicht so viele, wie Mammon vermutlich empfohlen hätte, das war ihr nach seinem Blick direkt klar geworden. Aber die Menge an Blut, die sie letzte Nacht verloren hatte, war nicht unerheblich gewesen; die Menge an Alkohol, die sie beiden in der letzten Stunde konsumiert hatten auch nicht. Und dieser neue, sterbliche Körper… sie musste ihn erst noch kennenlernen. Was sie aber jetzt direkt spürte, war die Bestätigung dessen, dass sie gestern jegliche Medikamente strikt abgelehnt hatte, bevor Mammon aufgetaucht war. Die Kontrolle über ihren Geist schien ihr von Minute zu Minute ein wenig mehr zu entgleiten; das in Kombination damit, dass sie körperlich so angeschlagen war, wäre – allein in Obhut von Wolfram & Hart – kein erstrebenswerter Zustand für sie gewesen.
Plötzlich war Mammon wieder da. Hatte er nicht eben noch am Flügel gesessen? Jetzt stand er hinter seinem Sessel und lehnte sich zu ihr hinüber, mit einer klaren Vehemenz erklärend, dass er auf ihrer Seite war ‚mit jeder Faser seines Körpers‘. Lilith stellte fest, dass die Überzeugung in seiner Stimme, die definitive Finalität, mit der er die Worte aussprach, irgendetwas tat mit ihr. Allerdings war sie inzwischen noch weiter davon entfernt, ihre Gefühlsregungen deuten zu können, als das noch vor zehn Minuten der Fall gewesen war.
Aber das war definitiv kein negativer Zustand.
„Sehr gut“, entgegnete sie, ebenso sicher und eben, während er sich wieder setzte.
“Hast du etwa schon eine Idee, wie wir es anstellen könnten?”
Hatte sie? Wenn die Umstände ein wenig anders gewesen wären, sicherlich. Aber in dieser Sekunde, auf gutem Weg, sowohl betrunken als auch high zu werden… natürlich hatte sie Ansätze von Gedanken gehabt, aber auch die waren ihr aktuell… abhanden gekommen.
„Zuerst brauche ich meinen Körper zurück“, beantwortete sie dennoch seine Frage, wenn auch ein wenig in eine andere Richtung gehend. „Danach brauche ich eine Dosis ausufernde Unterhaltung, über deren Natur ich noch entscheiden werde – gegebenenfalls komme ich auf das Angebot zu Kisais Unterstützung zurück.“ Wobei, wenn sie wieder auf den Beinen war, dann wäre es wahrscheinlich das größere Vergnügen, ihr Opfer selbst auszuwählen. Oder ihren Spielgefährten, je nachdem wonach ihr dann war.
„Und dann können wir uns mit den Details beschäftigen“, endete sie schließlich. Mammon würde es sicher verstehen, das Bedürfnis, ihren Körper zunächst… auszutesten, die angestaute Energie und den Frust loszuwerden, um ihren Geist zu entspannen, bevor sie sich an die strategische Planung ihrer Rache machte.
„Aber ich werde ihn vernichten dafür, was er mir angetan hat. Ich hoffe das ist dir klar? Das ist es, worüber wir sprechen.“ Nicht, dass sie tatsächlich anzweifelte, dass diese Aussage ihren Bruder zu einem Rückzieher bewegen würde. Er hatte ebenso wenig Zuneigung übrig für ihren Erzeuger wie sie das hatte.
„Und bis dahin…“ Sie griff erneut nach ihrem Glas, trank einen Schluck und stellte es dann zurück auf den Tisch. „Erzähl mir mehr über deinen Sex-Katalog. Wer sind deine Favoriten? Ich weiß, dass du welche hast.“
Wahrscheinlich hatte er sogar irgendwo eine tatsächliche, physische Liste – überraschen würde es sie nicht. Und an Kisais präferierten Partnern war sie auch interessiert; der Ifrit hatte häufig ein besseres Händchen dafür, besonders gute Männer auszuwählen. Womöglich sollte sie ihn bei Gelegenheit ebenfalls fragen.


